1435 km

Nun ist es fast 4 Wochen her, dass mir diese Zahl ein Lächeln ins Gesicht meißelte, das nach wie vor kaum zu unterdrücken ist. Von vielen Seiten kam in den folgenden Tagen der Wunsch, dass ich den Flug in seinen Einzelheiten beschreiben soll. All‘ denen, die genau so gerne wie ich Flugberichte lesen, möchte ich gerne diesen Gefallen tun.

Nach neun Flugtagen auf der EB und dem Ventus, fünf Tausendern und unglaublich viel Spaß war ich am Morgen des 17.12. sehr entspannt. Beim Frühstück unterhielt ich mich mit Max Mensing über unser Glück eine so gute Zeit in Bitterwasser getroffen zu haben und plante ganz gemütlich die heutige Strecke. Da der Tag nicht ganz so gut vorhergesagt war wie der Vortag, war keine Eile geboten. Die Wolkenprognosen sagten die ersten Cumulis ab 12 Uhr Richtung Gamsberg, nordwestlich von Bitterwasser, vorher. Dort sollte sich dann entlang der Namib eine Konvergenz entwickeln. Mein Plan war deswegen auf einen Schenkel im Blauen nach Osten und damit auf ein großes FAI Dreieck zu verzichten und direkt nach Westen zur Konvergenz zu fliegen um die Kilometer zu maximieren. Ich rechnete damit, dass die 1000km an diesem Tag einfach zu knacken und 1200km machbar sind.



„Ab der Hälfte des ersten Schenkels kurbelte ich keine Bärte unter 4, später sogar unter 5 Meter mehr.“

Als ich den Ventus gegen 10 Uhr auf die Pfanne zog konnte man im Norden kleine Wolken erahnen. ,,Merkwürdig’’ dachte ich, so war das nicht vorhergesagt.
Als ich um halb 11 kurz nach Bostjan und Klaus (EB28) den Motor anließ und startete konnte man nun auch im Osten immer mehr Wolken aufploppen sehen, im Westen hingegen war alles blau, erst in etwa 200km Entfernung (diese Sichtweiten sind in Namibia keine Seltenheit) bildeten sich die Wolken an der Konvergenzlinie. Also schmiss ich kurzerhand meinen Plan um und flog gemeinsam mit Bostjan nach Osten Richtung Botswana. Die ersten Wolken standen etwa 20km östlich von Bitterwasser und wir stocherten uns in der zerrissenen Blauthermik gegen 30kmh Wind nach Osten vor. Glücklicherweise fiel ich in einen 3 Meter Bart, der uns auf 2600 Meter hob und damit die Wolken erreichen ließ. Bostjan und ich waren zu diesem Zeitpunkt annähernd gleich hoch, flogen aber verschiedene Linien nach Osten. Schnell zeigte sich, wer die bessere getroffen hatte und ich musste bereits bei der nächsten Wolke 300 Meter tiefer einsteigen. Sicherlich hatte auch die Gleitleistung der Flugzeuge einen Einfluss darauf, aber unterm Strich hat sich Bostjan auf den ersten Kilometern einfach viel geschickter angestellt.
Die Wolken, die zu Beginn noch unsortiert aufploppten neigten immer mehr dazu, Straßen zu bilden. Dieser und der folgende Schenkel waren mit einer typischen Kaltluftwetterlage in Deutschland zu vergleichen, nur eben viel extremer. Ab der Hälfte des ersten Schenkels kurbelte ich keine Bärte unter 4, später sogar unter 5 Meter mehr.



Die Vorfluggeschwindigkeiten zwischen den Bärten lagen nie unter 200kmh, in der Thermik verlangsamte ich kaum unter 160kmh. Kurz vor der Grenze nach Botswana fand ich nach einer längeren Gleitstrecke unter einer schönen Wolke konstante 7.5m/sec, die mich über 1500Meter an die Basis schossen. So ein Bart ist gegen 30kmh Wind natürlich Gold wert. Die nun folgenden 70km über die Grenze hinweg nach Botswana konnte ich ohne kurbeln zurücklegen. Als sich vor mir ein Gewitter ausbreitete entschloss ich mich Richtung Westen zur Konvergenz zu fliegen. Ich rechnete mir aus, dass ich gegen halb 4 mit rund 650 OLC Kilometern 200km entfernt von Bitterwasser an der Konvergenz ankommen würde. Also hatte ich ab dort noch vier Stunden zu fliegen, was etwa 500km entspricht. 1150 km wären tatsächlich ein schöner Abschluss dachte ich mir und grinste.
Was nun folgte ist kaum in Worte zu fassen. Ohne besonders große Mühen stieg mein Schnitt durch den Rückenwind, die Wolkenstraßen und die unfassbaren Steigwerte teilweise über 210kmh im Stundenmittel! Die folgenden 400km konnte ich in gerade mal zwei Stunden zurücklegen, was meinen Plan glücklicherweise bei weitem übertraf.



Im Westen stand dann die Konvergenz, die durch den Ostwind weit in die Namib gedrängt wurde. Nach einem guten Beginn des Schenkels hatte ich große Probleme das Steigen unter den Wolken zu finden, da hier zwei Windsysteme aufeinander trafen, die Bodenstruktur sehr schroff ist und die Basis inzwischen über 5500 Meter hoch und damit gut 2500 Meter über mir war. Es war extrem turbulent und ich war kurz davor wieder nach Osten an die Abrisskante zu fliegen, als ich plötzlich und unerwartet in einen 6 Meter Bart fiel.



Nach zwei Kreisen war ich mir sicher, dass es sich nicht nur um eine  kleine Thermikblase handelt und die Anspannung fiel von mir ab. Von nun an nahm ich ab 4000 Meter das Gas deutlich zurück und kurbelte auch Bärte unter 4 Meter, um nicht erneut in die turbulente Schicht zu fallen. Diese Taktik stellte sich als gut heraus. Die folgenden Kilometer waren über eine atemberaubende Landschaft ein reinster Genuss.



„Mit MC3 sagte mir mein Rechner zwischenzeitlich eine Ankunftszeit in Bitterwasser 10 Minuten nach Sonnenuntergang vorher“

Als ich querab Helmeringshausen auf mein Oudie schaute war ich überrascht schon über 1150km FAI auf dem Zähler zu haben. Bei genauerer Betrachtung sah ich, dass der östliche Teil meines Fluges jedoch noch nicht in dem FAI Sektor lag, da der Schenkel in den Süden noch zu kurz war. Das bedeutete jeder geflogene Kilometer brachte eine dreimal so große Erweiterung des FAI Dreiecks. Ich fing an zu überschlagen, wie weit ich noch nach Süden fliegen musste um die 1250FAI zu schaffen, der Blick auf die Uhr stimmte mich jedoch skeptisch. Während dieser Überlegungen wurde es vor mir über dem Becken nördlich vom Flugplatz Aus recht blau. Da mir nur noch wenige Kilometer fehlten und ich mir bewusst war so schnell nicht mehr diese Gelegenheit zu bekommen, entschloss ich mich ins Blaue zu gleiten und bei angezeigten 1255km FAI zu wenden, um das Dreieck sicher zu haben.
Als der Zähler umsprang wendete ich, flog zurück unter die Wolken und hatte erneut Probleme unter den großen Wolken die Thermik zu finden. Überall ging es ein bisschen, jedoch arbeitete die Zeit nun gegen mich. Mit MC3 sagte mir mein Rechner zwischenzeitlich eine Ankunftszeit in Bitterwasser 10 Minuten nach Sonnenuntergang vorher, doch ich konnte zunächst nicht mal diese 3 Meter finden. Für kurze Zeit machten sich Gedanken breit ob ich bei einer Landung in Maltahöhe am nächsten Tag früh genug nach Bitterwasser zurückfliegen könnte um noch den Rückflug nach Deutschland zu erwischen. Da diese Kalkulation positiv ausfiel machte sich erneut Entspannung breit und ich konnte kurze Zeit später über 5 Meter bis zur Basis kurbeln. In Verbindung mit der dann wieder schön stehenden Konvergenz ging die Ankunftszeit in Bitterwasser erst Richtung Sonnenuntergang und baute dann eine immer größere Sicherheit auf. Genau querab Bitterwasser wendete ich bei km 150 1.5 Stunden vor Sonnenuntergang nach Osten und fand unter den abbauenden Wolken nochmal Steigen um den Flug etwas zu verlängern.



Den Flugplatz überflog ich nochmals um 30km, bis der Kilometerzähler auf die 1400km umsprang. Ein wirklich schöner Moment! Mit besagtem Lächeln im Gesicht setzte ich eine Minute vor Sonnenuntergang in der Pfanne auf und wurde von Max und Wilfried herzlich mit einem kühlen Windhuk Lager empfangen. Wie sich später am Abend herausstellte, war dies der punkthöchste Flug in Afrika sowie die größte Distanz, die je in Namibia erflogen wurde. 



162kmh Gesamtschnitt, 145kmh auf 1254km FAI – Wie ist das möglich?

Bei meinem Flug am 17.12 kamen hierfür viele Aspekte zusammen. Neben den mentalen Faktoren (entspanntes Fliegen ohne Leistungsdruck, perfekte Organisation in Bitterwasser) bietet Namibia durch die ausgezeichnete Thermikgüte, die Thermikhöhe und dem großen Luftraum eine optimale Basis für solche Flüge.



Schnelle Flüge werden in der Regel entlang Rennstrecken geflogen, die entweder Wolkenstraßen oder eine besondere Geographie als Hintergrund haben. Flächig sind diese Flüge jedoch sehr selten.
An diesem Tag gab es eine besondere Wetterlage in Namibia. Starker Ostwind formte Wolkenstraßen, die in Ost- Westrichtung verliefen. Entlang der Abbruchkante zwischen Kalahari und Namib entstand zusätzlich eine Konvergenz, die sich im 90° Winkel zu den Wolkenstraßen in der Kalahari entwickelte.



Durch dieses Wetterphänomen war es möglich ein FAI Dreieck mit zwei Schenkeln entlang tragender Linien aufzuspannen. Daraus resultierte ein Kurbelanteil von nur 14 Prozent, was den Schnitt natürlich in die Höhe schießen ließ.



By | 2017-01-19T22:16:48+00:00 Januar 14th, 2017|BLOG, Namibia|0 Comments

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