Als wir die 10-Tages-Fußgängerwetterprognose für die Tage um den 24.02 ansahen scherzten wir etwas, dass es doch durchaus Ostwelle geben könnte. Obwohl natürlich jeder von uns wusste, dass sich eine solch seltene Wetterlage, die dazu noch weit in der Zukunft liegt, nur sehr unwahrscheinlich gemäß der Vorhersage einstellen wird hofften wir alle insgeheim, dass genau dies eintreffen würde.

„Mit jedem Tag, an dem die Prognose stabil blieb, wuchs dann die Hoffnung auf einen tollen Ostwellenflug.“

Drei Tage vor dem ersten Versuch am Donnerstag waren wir uns sicher, dass es klappen wird. Schnell wurden F-Schlepper und Flugleiter vorgewarnt, die alten Wendepunktdateien um weitere Wendepunkte ergänzt und in Abhängigkeit von der Tageslänge eine maximalmögliche Strecke ausgerechnet. Mit einem Start zu Beginn der bürgerlichen Dämmerung und einer Landung zum Ende der bürgerlichen Dämmerung kamen wir auf knapp 11,5 Stunden Flugzeit. Bei einem nicht unrealistischen Schnitt von 80kmh lässt sich dabei schon ganz schön was erfliegen.



Den ersten Versuch wollten wir am Donnerstag starten. Früh morgens trafen wir uns mit 8 verrückten Segelfliegern um 05:30Uhr um in eisiger Kälte die Flieger aufzubauen. Nach dem Start konnten wir am Königstuhl Höhe Gewinnen und in den Schwarzwald gleiten. Dort trafen wir leider nicht die gewünschten Bedingungen an. Die Luft war sehr feucht und es schoben sich in allen Höhenbändern Wolken in unser Fluggebiet. Die Wellen standen leider auch nicht zuverlässig genug, weswegen wir schnell den Heimweg nach Weinheim antraten. Nach dem sehr anstrengenden Absitzer bei Freiburg war ich froh, als ich am späten Nachmittag wieder in Weinheim aufsetzte.



Wir freuten uns dennoch über den schönen Flugtag und schätzten das Wetter für die kommenden Tage als vielversprechend ein.
Da der knapp zehnstünde Flug bei Temperaturen bis minus 20 Grad ziemlich an der Kraft gezehrt hatte entschlossen wir uns den Freitag zum Regenerieren und zum Lernen zu nutzen.

Der Samstag startete ähnlich wie der Donnerstag: Als der Wecker um 04:30Uhr klingelt, stehe ich schon im Bad und putze mir die Zähne…ich kann es kaum erwarten endlich zu starten! Am Flugplatz angekommen bereiten schon vor dem geplanten Treffzeitpunkt einige Piloten ihre Flieger vor. Und das bei Temperaturen weit unter Null, einem eisigen Wind und in tiefster Nacht.
Zwei Minuten nach dem ersten legalen Startzeitpunkt rollt die Remo vor mich in der BW3, Seil straff und los. Kaum in 100 Metern angekommen erfassen uns die Rotoren des Odenwalds- ,,geil!‘‘ denke ich mir.



Nach einem kleinen Gleitstück zum Königstuhl finden wir über Heidelberg 1,5 Meter laminares Steigen. In 2800 Metern ist dieses Steigen aber urplötzlich weg und geht in heftige Turbulenzen über. 2800 Meter sollten für die 70km zum Murgtal im Nordschwarzwald reichen, aber der Hals wird am Ende ganz schön lang werden. Egal, los geht es! Ich sage Dennis, der inzwischen in der ASH26 mit mir am Königsuhl ist, dass mir die Höhe wohl reichen wird und ich zur Not nach Rheinstetten ausweichen werde.



Die ersten Kilometer sind bei dem Sprung die spannendsten. Bis Karlsruhe ist der Himmel blau, weiter im Süden sieht man Staubewölkung im Luv des Schwarzwalds und Rotoren im Lee. Wie wirkt sich die Nordkomponente beim Vorflug aus? Ist das Murgtal überhaupt schon offen? Wie hoch ist die Staubewölkung genau? Nach den ersten Kilometern ist klar; Die Nordkomponente ist auch heute wieder so groß, dass sie uns unterstützend Richtung Murgtal drückt. Zwischen Karlsruhe und Bruchsal wird dann auch klar, dass das Murgtal offen ist und die Höhe für einen sicheren Einflug reichen wird.
200 Meter tiefer als Dennis werde ich in 1350 Metern beim Einflug nochmal heftig durchgeschüttelt um dann Sekunden später in absolut ruhiger Luft 3 Meter auf meinem Variometer stehen zu haben. Es ist geschafft-der Spaß kann beginnen!



Ohne viel Höhe im Murgtal beim achtern zu machen fliegen wir entlang von imposanten Rotorwolken Richtung Forbach im Süden des Murgtals, während sich das Steigen auf einen Meter einpendelt. In ca. 2400 Meter entscheiden wir uns dafür an die Hornisgrinde zu wechseln, da wir hier auch heute wieder das stärkste Steigen erwarten und schnell vorankommen wollen.
Der Sprung nach Westen an die Hornisgrinde verläuft durch den Rückenwind um 85kmh denkbar einfach. Kaum durchs Lee geflogen werden wir mit satten vier Metern nach oben katapultiert. Auch hier hört das gute Steigen in 2600Meter plötzlich auf und es geht eher rotormäßig weiter nach oben. Anschließend fliegen wir die Schwarzwaldhochstraße nach Süden.
Doch leider sind Richtung Feldberg die Wolkenlücken recht klein. Einen Abstieg wegen sich schließenden Wolkenlücken mitten im Schwarzwald- nein das brauchen wir wirklich nicht. Also wenden wir wieder nach Norden, als wir querab Winzeln sind. Das Lee der Schwarzwaldhochstraße mit den großen Wolkenlücken erreichen wir mit viel zu großer Reserve, man hätte also weiter nach Süden gekonnt. Aber das ist uns egal, der Tag beginnt ja gerade erst.





Inzwischen haben auch Finn und Oli im Duo den Sprung in den Schwarzwald gewagt und geschafft und versorgen uns mit Informationen aus dem Murgtal. Über die Hornisgrinde fliegen wir zu Ihnen um dann weiter über Karlsruhe nach Norden den Schenkel zu verlängern. Bei der nächsten Runde in den Süden ist die Bewölkung deutlich dünner geworden. Gemeinsam mit Jochen Polsz fliegen Dennis und ich über den Brandenkopf ins Simonswäldertal. Hier ist die Welle super gezeichnet und wir können erneut 3000Meter erreichen.
Jochen traut sich weiter nach Süden und findet am Feldberg eine schwache Welle. Für Dennis, aber insbesondere für mich ohne Motor, ist der Sprung zum Feldberg, wo kaum noch Wind über 2000 Meter bläst, zu riskant. Wir wollen auf keinen Fall den schönen Flug vorzeitig beenden müssen.
Es folgt ein weiterer Schenkel nach Norden, bei dem sich die Bedingungen eher sogar noch verbessern. Die Wellen reichen nun bis über 3000 Meter und bringen teilweise bis zu fünf Meter.
Was für ein genialer Tag! Bei dem nächsten Schenkel in den Süden fliegen Dennis und ich über das Simonswäldertal weiter nach Süden hinaus Richtung Titisee. Dieser ist tiefgefroren und von einer märchenhaften Winterlandschaft umgeben. Für ca. fünfzehn Minuten stellen wir das Kilometerfressen hinten an und drehen in Nullschiebern unsere 8er. Es ist einfach eine unbeschreiblich schöne Aussicht.



Auf dem dann folgenden Weg nach Norden treffen wir Finn und Oli, Jürgen  Rusch und Michi Wiech. Inzwischen ist es Nachmittag. Gemeinsam fragen wir bei Langen Information nach einer Freigabe zum Ausflug aus dem Wellenfenster nach Norden über FL100. Wieder ein spannender Moment. Die am Morgen schiebende Rückenwindkomponente haben wir beim Rücksprung auf der Nase. Da reichen 3000 Meter nicht aus. Nach kurzem warten die erlösende Nachricht der netten Lotsin: Wir vier dürfen, nachdem anfliegender Verkehr nach Stuttgart durch ist, das Wellenfenster im Verband nach Norden verlassen.



Noch vor dem Erreichen des Königstuhls bei Heidelberg können wir an mehreren Stellen ein paar Meter gut machen. Am Königstuhl finden wir dann wieder die Welle, in der wir morgens die Höhe gemacht haben. Diese bringt uns erneut auf knapp 2500 Meter. Geschafft!

Wir verlängern noch über die Tromm und Michelstadt in den Odenwald hinein.
Am Ende gelingt Dennis die sagenhafte Strecke von 800km! Auch Finn schafft mit Oli heute seinen ersten 700er. Und das alles in den ebenso schönen wie fordernden Wellensystemen.
Nach über elf Stunden landen wir etwas erschöpft aber auch überglücklich, kurz nach Sonnenuntergang, in Weinheim. Was für ein genialer Tag!



By | 2018-02-28T12:54:14+00:00 Februar 28th, 2018|Welle|2 Comments

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2 Comments

  1. Tim 28. Februar 2018 at 15:28 - Reply

    Hi Matze! Cooler Artikel, vielen Dank. Wie hältst Du Dich über so viele Stunden warm? Du musst ja als Eisklotz ausgestiegen sein 😉

  2. Björn 28. Februar 2018 at 17:28 - Reply

    Sehr schöner Flug und natürlich auch der Bericht. Danke das Ihr alles so gut dokumentiert das man es nachfliegen kann.
    tut gut im Winterhalbjahr zuhause richtig fliegen zu können 🙂

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