Was das Wetter am 26. April für Matthias Arnold und mich zu bieten hatte, das hätten wir uns niemals erträumen lassen. Bereits Anfang der Woche wurde die Westlage in den Blick genommen. Hang, Welle oder Thermik? Oder am Ende alles drei? Der Donnerstag kristallisierte sich mit frühem Thermik Beginn und ohne störende hohe Bewölkung schnell als der beste Tag der Woche heraus.




TopMeteo und der DWD waren einigermaßen optimistisch, beide sprachen von um die 700 Kilometern. Beim betrachten der Vorhersage musste ich immer wieder an einen Flug von Matthias Arnold aus 2015 denken. Es herrschte eine ähnliche Westwindlage. Die Prognosen waren an diesem Tag sehr pessimistisch, und sprachen von 300 Kilometern. Matthias flog erst kurz vor 12 ab, da er den Tag nicht als Hammertag vermutete, und am Ende waren es fast 1000 Kilometer.  Deswegen wollten ich unabhängig von der Vorhersage einfach mal annehmen, dass der Tag gut werden würde.



Der Plan war, mit einem Frühstart um sieben Uhr in der Welle genug Höhe zu machen, um die ersten hundert Kilometer mit Rückenwind abzugleiten. Es wäre ein heikles Spiel gewesen, zum richtigen Moment abzufliegen, um mit einsetzender Thermik unter die Wolken zu sinken. Aber so sollte es nicht kommen. Als wir um halb 8 in der vermeintlichen Welle ankommen, können wir zwar vermindertes Sinken feststellen, aber Steigen lässt sich nirgendwo finden. Also nochmal landen, Kaffee trinken und es zu Thermikbeginn wieder probieren?



Der Hang bietet eine letzte Option. Während Matthias es schafft, Anschluss zu finden und Richtung Heidelberg zu fliegen, geht es bei mir ums ‘Überleben’. Über eine Stunde verbringe ich in einem Höhenband von 500 – 550 Metern. Matthias meldet bessere Bedingungen weiter südlich. Er kann dort im Stau des Hanges und im Hangflug an den Wolken bis auf 2000 Meter kommen.




Das ermöglicht ihm, den Odenwald in großer Höhe zu queren. Als ich Anschluss finde, und auf 950 Meter steigen kann, warte ich noch über eine halbe Stunde, bevor ich abfliege. Bei dieser Basis darf im Odenwald wirklich gar nichts schief gehen, oder ich muss direkt den Motor rausholen. Unter 300 AGL will ich mit Wasser und viel Wind nun wirklich nicht zünden. Zweimal bin ich tief, zweimal kommt der Bart dann unten raus. Diese zwei Bärte reichen zum Glück, um den Odenwald – bei solch Wetter steht er meist etwas im Weg – mit Rückenwind hinter mir zu lassen.




Nördlich oder südlich an Nürnberg vorbei? Chris Hiller versorgt uns minütlich mit neuen Wetterkarten, und wir entschieden uns für die nördliche Variante. Ohne Kreis geht es bis unter den Deckel von Nürnberg. Nun zeigt sich die noch starke Schauertendenz. Wir werden mehrmals nass und es ist spannend, mit 1372 Metern Deckel ins ansteigende Gelände zu fliegen.
Bis Tschechien dann gute Reihungen, so dass hoch gewendet werden kann. Matthias hat hier im Lee des Grenzgebirges bei knapp 50 km/h Wind etwas Probleme. Nun der kritischste Part des Fluges. Wenn es uns nicht gelingt, ordentlich gegen den Wind voranzukommen, ist die Chance auf eine vierstellige Kilometer Zahl vertan. Auf so einem langen Gegenwindschenkel mal 2 Stunden mehr liegen zu lassen, ist überraschend einfach.

Auf Grund der starken Schauerneigung müssen wir mehrmals die Wolkenstraße wechseln, was zu unangenehmen Tiefpunkten führt. Direkt luvseitig des ED-R Grafenwöhr kann ich aus 400 Metern einen sehr guten Bart finden. Ein hohes Risiko, hier hätte das Vorhaben auch scheitern können. Wäre der Bart nicht gekommen, hätte der starke Wind gnadenlos versucht, mich in das ED-R zu drücken. Hier hätte dann der Turbo zum Einsatz kommen müssen.



Nach Westen meldet Julian Mihm in der ’30’ sehr gutes Wetter – die Schauertendenz lässt nach. Unter dem Deckel von Nürnberg muss ich leider mehrmals die Bremsklappen ziehen. Das Gelände ist so hoch, dass ich ungern unter 1100 Meter kommen will. Fliege ich allerdings in einem Höhenband um 1200 Metern, kann ich das Steigen nicht immer weg drücken. Ich riskiere sonst, zu viel Energie aufzunehmen und die Klappen nicht mehr herausholen zu können. Einmal frei vom Deckel kann ich die 700 Meter an die Basis im Geradeausflug steigen. Die nächsten 100 Kilometer gelingen ohne Kreis und gehören zu den besten Bedingungen, die ich bisher erlebt habe. 



Gegen den sehr starken Wind erfliegen wir zeitweise einen 110er Schnitt. Unter wunderschön ausgebildeten Wolkenstraßen geht es über Odenwald und Rheintal bis hinter den Pfälzer Wald. Je homogener und flacher das Gelände, desto besser scheint es zu gehen. Der Odenwald steht eher im Weg. Nach einem weiteren zügigen Rückenwindschenkel bis zum Luftraum Nürnberg, stehen dann um kurz nach fünf 960 Kilometer auf der Uhr. Auch Matthias hat mit der Standardklasse zu diesem Zeitpunkt schon über 900 Kilometer geschafft.




Mit dem LX Zeus wird fleißig optimiert. So langsam wird uns klar, dass es tatsächlich klappen kann mit dem Ziel, dass uns beiden seit ein paar Tagen durch den Kopf spukt, ohne dass wir uns trauen, es genauer anzusprechen. Ein letztes Mal kämpfe ich mich bis Kilometer 70 auf Weinheim gegen den Wind vor. Als ich dann aber unten raus etwas Probleme habe, ist klar, dass ein letzter Schenkel mit Rückenwind folgen wird. nchen Radar gibt sogar eine Freigabe zum Durchfliegen des Charlie-Luftraums Nürnberg, und so kann ohne Sorgen verlängert werden. Den letzten Bart spüre ich allerdings erst, nachdem der Motor schon gezündet hatte. Es ist klar, dass es gegen den Wind nicht mehr nach Hause reichen wird, da morgens schon etwas Sprit investiert wurde.
Johannes Dibbern macht sich noch während des Fluges auf, Richtung Walldürn. Solch eine Bereitschaft ist wirklich besonders, und ermöglicht, so einen Tag voll aus zu nutzen.
Ohne Wilfried Großkinsky und den OLC, die einen wirklich genialen Flieger bereit stellen hätte dieser Flug nie stattgefunden!
Genauso wenig ohne Matze Arnold, der aus Weinheim noch keinen fliegbaren Tag verpasst hat, und einem mit seiner Erfahrung und wertvollen Tipps zur Seit steht.




„Welche Faktoren machten eine solch große Strecke möglich?“

Betrachtet man den Tag im Nachhinein, so sieht man eine Wertungsdauer von 11:30 Stunden. Der Tag scheint also erstmal durch seine Länge zu bestechen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass der eigentliche thermische Abflug erst um viertel vor 10 erfolgte, und der Motor kurz nach sieben herausgeholt wurde. Vernachlässigt man die 30 Kilometer, die sich durch den Abflug aus der Welle zum Hang ergaben, wurde der Flug also in etwas über neun Stunden geflogen. Betrachtet man die Liga-Wertung, sieht man, dass auf dem ersten Schenkel ein 150er Schnitt geflogen wurde. Mit einer Rückenwind-Komponente von knapp 50km/h ist das aber gar nicht mehr so viel. Es reihte zwar sehr gut, allerdings machte gerade der Luftraum Nürnberg auf dem ersten Schenkel einige Probleme. Sehr viel interessanter ist der folgende Gegenwind-Schenkel. Ein Knackpunkt war hier die hohe Feuchte und Schauertendenz im Osten, die wir aber mit etwas Glück bewältigen konnten Auf dem Satellitenbild von 12 Uhr UTC ist diese schon fast nicht mehr zu erkennen.



Dafür sieht man dort, wie sich um die Mittagszeit die Wolkenstraßen in einem kleinen Gebiet südlich des Mains ausbildeten. An der Donau ist noch die Restfeuchte der Front zu erkennen. Nördlich des Mains sind die Strukturen zu groß, um gut genutzt zu werden.
Bei Luxemburg sieht man auch ein etwas feuchteres Gebiet, was dazu führte, dass ich den Gegenwind-Schenkel nicht bis an die deutsch-französische Grenze flog, sondern schon etwas früher wendete.
Die 400 Kilometer bis Saarbrücken konnten mit einem 100er Schnitt zurückgelegt werden. Windbereinigt waren wir hier also um die 145 Km/h schnell. Wie schnell solch ein Schnitt auf immer noch zügige 115 Km/h sinken kann, wenn man sich nur einmal verbastelt oder die Wolkenstraßen nicht ganz so gut stehen, ist wahrscheinlich den meisten bewusst. Der Unterschied ist wirklich nicht groß. Mit Wind einberechnet, sind dies dann nur noch um die 70 Km/h. Für die 400 Kilometer benötigt man dann statt vier Stunden auf einmal fast sechs. Diese Zeitdifferent entspricht über 200 Kilometer.

 

„Was wäre an diesem Tag möglich gewesen…?“

Matthias erwischte eindeutig den besseren Start. Beim Hangflug an den Wolken machte sich seine ganze Erfahrung und Wetterbeobachtung bezahlt. Auf dem Rückenwind-Schenkel war er auf Kilometer 50, als ich meinen Flug startete. Natürlich sind dies Rückenwind-Kilometer, aber 30 bis 40 Kilometer hätte mir solch ein Start am Ende wohl mehr beschert. Den letzen Bart habe ich vor sieben Uhr gekurbelt. Das Wasser wollte ich vor der Landung nicht ablassen, da ich Angst hatte, dass bei den Temperaturen der Hecktank nicht ausläuft und der Schwerpunkt sich nach hinten verlagert. Die Wolkenoptik bei Nürnberg war jedoch noch gut, und kurz nach Zünden des Motors flog ich in einen Aufwind, den ich vorher aber nicht gefunden hatte. Im Rheintal flog Matthias zu dieser Zeit auch noch thermisch. Hätte ich diesen mit Rückenwind nochmals an die Basis mitnehmen können, wären das weitere 50 Kilometer gewesen.
Alles in allem wären also an diesem Tag die 1250 Kilometer mit einem 18 Meter Discus möglich gewesen.



By | 2018-05-08T13:31:27+00:00 Mai 8th, 2018|OLC, Streckenflug|0 Comments

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Moritz fliegt seit 2013 beim Aero-Club-Nastätten. Seinen Schein hat er 2012 in Neuseeland gemacht. Dieses Jahr darf er den von Wilfried Großkinsky gesponserten OLC-Discus fliegen und wird hier über seine Erlebnisse berichten.

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